die kölner unterwelt


wer sich einmal in aller ruhe und völlig gefahrlos die kölner unterwelt ansehen möchte, dem sei fürs erste außer einer fahrt mit der u-bahn ein gang durch die fundamente des kölner doms oder auch eine besichtigung des sogenannten "kronleuchtersaals" in einem unserer abwässerkanäle tief unter der erde ans herz gelegt.

    

der ziemlich neue durchbruch im fundament unseres doms und der ziemlich alte "kronleuchtersaal"

weitere kölner unterirdische erfahrungen kann man auch in einem bergwerksstollen unter unserer universität oder z.b. in einem versorgungstunnel sammeln, der unter dem rhein von der altstadt nach deutz führt. - doch dies sei hier nur ganz am rande zur einstimmung erwähnt.


denn in diesem kapitel soll es um nichts von alledem gehen, sondern vielmehr um eine völlig andere "unterwelt" längst vergangener tage, genauer gesagt um unser kölner rotlichtmilieu im letzten jahrhundert. große städte zogen ja schon immer leichte mädchen und schwere jungs an und warum in aller welt sollte das ausgerechnet bei uns im heiligen köln anders gewesen sein!

wann dies alles begann, weiß ich gar nicht; vermutlich schon mit den römern, spätestens aber mit den parisern! - vor dem zweiten weltkrieg war unsere rotlichtszene, kurz "et miljö" genannt, unter anderem im griechenmarktviertel angesiedelt, dem südlichsten stadtviertel des römischen kölns. an den überresten der römischen stadtmauer befindet sich noch heute eine kleine straße, deren name auf den nach dem bombenkrieg im zuge des wiederaufbaus aus gründen der stadtplanung unter den erdboden verlegten rothgerberbach zurückgeht: 

     

und genau dort flanierten sie auf und ab, unsere leckeren kölschen mädchen, die ja so gut dufteten und so feine kleidchen trugen:

bei einer ihrer veedelsführungen "rund öm zi pitter" (rund um st. peter)ererzählte mir unsere liebenswerte kölsche heimatschriftstellerin paula hiertz, die vor dem zweiten weltkrieg in diesem urkölschen stadtviertel südlich des neumarkts aufwuchs: unsere großmutter hat uns immer gewarnt: "joht nur blos nit op die ahl moor!" - geht nur ja nicht auf die alte mauer! ihre älteste schwester wagte sich aber in ihrem jugendlichen leichtsinn eines tages dennoch auf die alte mauer. als die minderjährige dann nach hause kam, schwärmte sie: "mama, do wonnen schöne mädcher mit finge kleider un die ruchen esu jot!" - und wie paula hiertz weiter zu erzählen weiß, gab es anschließend eine saftige ohrfeige.  

andere schwerpunkte unseres rotlichtmilieus im letzten jahrhundert waren vor dem krieg die gasse "auf dem rothenberg" in der nähe der römischen basilika groß sankt martin sowie der "buttermarkt" in der kölner altstadt. in unmittelbarer umgebung gaben sich rund um den fischmarkt noch lange nach dem krieg auch die kölner schwulen und lesben mehr oder weniger heimlich im untergrund die klinke in die hand. aus heutiger sicht ist dies kaum noch vorstellbar. doch erst im jahre des herrn 1994 hob der deutsche bundestag den 123 jahre alten § 175 des strafgesetzbuches (im volksmund "schwulenparagraf" genannt) auf, nach welchem homosexualität mit bis zu fünf jahren gefängnis bestraft wurde!           

     

links die gasse "auf dem rothenberg" mit blick auf die kirche groß st. martin und rechts der buttermarkt heute


doch wenden wir uns nun dem weniger harmlosen milieu zu: nach dem krieg lag unsere stadt in schutt und asche und ein jeder kämpfte zunächst ums nackte überleben. nur wenige jahrzehnte später etablierte sich mitten in köln "et miljö" erneut, dieses mal weiter nördlich in der brinkgasse, in der ehrenstraße, am eigelstein und am friesenplatz, bevor dann 1972 die gesamte innenstadt zum sperrbezirk erklärt wurde.

    

"tarifverhandlungen" im heute nicht mehr vorhandenen kontakthof in der kleinen brinkgasse an der einmündung zur ehrenstaße

und hier in seiner vollen heutigen pracht das damals noch erheblich brisantere zentrum der prostitution im stavenhof
 (op kölsch: "em stüverhoff"), einer gasse am eigelstein


das kölner milieu beschränkte sich jedoch nicht alleine auf die prostitution. denn auch einen  beträchtlichen teil der kneipen-szene und spielhöllen rund um den kaiser-wilhelm-ring hatten die mehr oder weniger schweren jungs, von denen im folgenden die rede sein soll, fest im griff. hier kreuzten sie zu vorgerückter stunde mit autos der nobelklasse, einer rolex am handgelenk oder mit einer dicken goldkette um den hals und manchmal auch mit schönen mädchen in ihren limousinen urplötzlich auf. und wehe dem wirt oder einem seiner gäste, der etwas zu laut "gesungen" oder gar bei "der sitte" gepfiffen hatte! - nein, umgebracht haben sie wohl nie einen, aber es gab eine zeit lang allabendlich jede menge prügel und kleinholz. 

die "könige" dieser neuen untergrund-szene waren noch heute stadtbekannte originale wie vor allem "d´r dummse tünn" und "die schäfers nas". anton dumm begann seine karriere als berufsboxer und leibwächter von romy schneider, heinrich schäfer mit seinem markanten riechkolben hingegen als gastronom.

     

auge um auge - zahn um zahn: dummse tünn und schäfers nas


die beiden kämpften mehr als einmal um die vorherrschaft am rhein. ihre waffen bestanden aber nicht aus pistolen oder messern, sondern nur aus ihren fäusten. unser anton war rein körperlich etwas kleiner als die nas. es geht die kunde, dass er nach einer wüsten schlägerei in der nacht auf den 20.9.1975 über seinen erzrivalen gesagt haben soll:


"dä hät mer ene vör de kopp jehaue - un do wor ich weg!"

(der hat mir einen vor den kopf gehauen und da war ich weg!)
 

aber unser tünn hat die nas, die 1997 mit nur 61 jahren an einem herzinfarkt starb, überlebt und wohnt heute in einem rechtsrheinischen vorort. - mehr verrat ich aber hier lieber nicht!


in die kölner stadtgeschichte eingegangen ist der raub eines kreuzes aus der schatzkammer  des kölner doms anno 1996. der domprobst bat nicht nur die polizei, sondern auch schäfers nas um hilfe, welcher sofort an die boulevard-presse schrieb:


"dat jeiht nit! - entweder kommt das kreuz zurück oder es gibt ärger!"
 

kurz darauf war das kreuz wieder da! auf den ausgeschriebenen finderlohn in höhe von 3000 mark verzichtete die schäfers nas. im jahre 1998 setzte ihm das millowitsch-theater posthum mit dem stück "der könig vom friesenplatz" mit peter millowitsch in der hauptrolle als schäfers nas ein kleines, wenn auch natürlich nicht ganz unumstrittenes denkmal. doch was außer unserem dom ist in köln schon unumstritten! 


zu den vielen weiteren unterweltgrößen unserer stadt zählten in den sechziger und siebziger jahren auch so markante typen wie z.b. "hans ´sir` münnichhoff" oder "d´r hermanns tünn", besser unter dem namen "die axt" bekannt, weil er in seinem gitarrenkoffer stets ganz unauffällig ein hackebeil für seine mitternächtlichen streifzüge zu tansportieren pflegte. und dann waren da noch unser "abels män" in seinen schmucken pelzmäntelchen und der etwas rundliche "beckers schmal". als stadtindianer wurde unser "essers häns" bekannt.  ja, und dann war da natürlich noch der "lange tünn", der in wirklichkeit anton claaßen heißt: heutzutage begleitet er menschen aller schichten zu den schauplätzen des früheren milieus. bei seinen stadtführungen lässt er sich außer mit "herr claaßen" aber zuweilen auch gerne mit "toni" anreden.  

      

anton claaßen alias "d´r lange tünn" vor der milieu-kneipe "klein köln" auf der friesenstraße


ebenso unvergessen sind "d´r schmidte udo", "dä döres" sowie der für die olympischen spiele nominierte "karate jacky" und der auf dem foto ganz unten abgebildete "frisch´se pitter". noch heute treffen sich einige von ihnen mehr oder weniger oft in der kult-kneipe "zur grünen eck" an der ecke friesenwall / palmstraße, wo sie sich -längst geläutert und in bürgerlicher kleidung- vermutlich, nein ganz sicher, viel schönes und trauriges über die ach so guten alten zeiten zu erzählen haben. 

 

der "frisch´se pitter" in echtem leder, mit purem gold und mit seiner für diese zeit typische "minipli-frisur"


ja, kleine sünderlein waren sie wohl alle, - manche vielleicht auch ganz große! viele von ihnen wurden wegen ihrer in der summe ungezählten vergehen wie drogenhandel, hehlerei, körperverletzung, sachbeschädigung, zuhälterei oder auch vergewaltigung zur rechenschaft gezogen, haben ihren lebenswandel aber schon längst geändert. andere waren für straftaten weniger anfällig und machten sich wie d´r lange tünn eher als türsteher oder zocker einen namen. ein jeder mag ja über diese menschen denken, wie er will, doch fest steht, dass sie über einige jahrzehnte das bild unserer domstadt mitgeprägt haben wie dereinst al capone die unterwelt von chicago beherrschte.     

aber das ist lang, lang her. heute -wir schreiben das jahr 2014- ist das kölner milieu längst unter der kontrolle des stadtrats und anderer paschas, - na, offiziell jedenfalls!
 


   denn su lang mer  noch am levve sin ... 


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