die marsilius-legende


die wohl älteste kölner legende berichtet von einem ruhmreichen ereignis, welches sich im 1. jahrhundert nach der geburt unseres herrn nur zwei dekaden nach der gründung der stadt durch die römische besatzungsmacht  zutrug. wir schreiben das jahr 69. im juni des vorjahres hat in rom kaiser nero das zeitliche gesegnet und nunmehr erheben gleich vier römische  potentaten mit den namen galba, otho, vespasian und vitellius anspruch auf neros thronfolge. dieser machtkampf wird dereinst als "vierkaiserjahr" in die annalen eingehen. 

am ende wird von diesen vieren vespasian die oberhand im römischen weltreich gewinnen, doch an dieser stelle soll es bezüglich der obrigkeit in köln nur um einen gewissen aulus vitellius gehen, welcher sich am 2. januar 69 zum römischen (gegen)kaiser ausrufen lässt und am 1. dezember jenen jahres oberbefehlshaber der römischen provinz niedergermanien mit der hauptstadt colonia claudia ara agrippinensium wird. 


doch der römische kaiser aulus vitellius war sein geld nicht wert!


es behagt den aufmüpfigen und immer noch heidnische götter verehrenden kölnern jedoch keineswegs, einen "imi", also einen zugezogenen, in ihrer unmittelbaren nähe zu wissen, geschweige denn einen herrscher und möglichen feind. also tun sie alles erdenkliche, um den ungebetenen gästen aus spaghettalien das eindringen in die stadt zu verwehren. es wird jedoch noch fast zweitausend jahre dauern bis sie ihrem retter und helden marsilius an der ostwand des gürzenich, dem alten ballhaus der stadt, direkt über dem eingang zum weinkeller dieses denkmal setzen werden: 

auf dem spruchband steht in güldenen lettern geschrieben:

marsilius heiden ind der sere stoulze behielte coelen ind sy voiren tzo houlze.

(marsilius war heide und sehr stolze, behielt köln und sie fuhren zu holze.)


ungezählte kölner und besucher der stadt stehen täglich staunend vor dieser bildsäule, doch nur den wenigsten ist bekannt, was es damit auf sich hat. wer war eigentlich dieser marsilius und was hat es mit dieser doch höchst merkwürdigen inschrift auf sich?

marsilius war ein damals weltpolitisch völlig bedeutungsloser kölner hauptmann. schon seit einigen monaten hatte er für den bereits absehbaren fall einer belagerung durch die römer vorgesorgt und jede menge feste nahrungsmittel und natürlich auch kölschfässer durch die tore der festungsmauer in die stadt schleppen und rollen lassen. doch bei all seinem eifer hatte er vergessen, für genügend brennholz zu sorgen. für jede andere belagerte stadt wäre dies vermutlich das ende gewesen, nicht aber für die kölner! denn unser marsilius bediente sich nun mit der hilfe all unserer kölschen mädchen einer list: 

wie die koehlhoffsche chronik der stadt köln (zumindest sinngemäß) zu berichten weiß, setzte der marsilius sämtlichen unserer funkemariechen am donnerstag nach pfingsten helme auf und steckte sie in germanische rüstungen, so dass sie nun wie männer aussahen. darob schickte unser kluger hauptmann unsere mädchen mit karren und holzwagen ausgerüstet durch eines der stadttore in den königsforst oder ins gremberger wäldchen, - jedenfalls ganz so, als ob sie holz sammeln oder gar in den krieg ziehen würden.

als des kaisers truppen auch prompt auf diese finte hereinfielen und die vermeintlich nach brennholz suchende schar aufmischen wollten, zog marsilius mit all seinen soldaten vom gegenüberliegen stadttor aus in einem weiten bogen in den wald ein und fiel den kriegern des selbst ernannten kaisers in den rücken. nach fürchterlichem gemetzel nahm unser hauptmann den vitellius gefangen und legte ihn in einen turm, um ihm am folgenden tage auf dem kölner marktplatz den kopf abzuschlagen zu lassen. als der arme delinquent dann unter dem bereits erhobenen schwerte des henkers gottserbärmlich um sein leben wimmerte, bewiesen die kölner ihre sprichwörtliche toleranz und bewegten den todgeweihten samt seiner unterschrift und seinem siegel zu zahlreichen zugeständnissen. und so bewahren die kölner noch heute das gedächtnis an den sieg am pfingstdonnerstag. "und das heißt der holzfahrtag", fügt der chronist im jahre 1499 abschließend hinzu.  

in einer anderen quelle, dem in den jahren 1868 bis 1871 veröffentlichten sagenbuch des preußischen staates, heißt es im band zwei über den sogenannten holzfahrt- oder hölzgestag wörtlich: "schon am pfingstdienstag ward eine art vorfeier desselben gehalten, denn der cöllner stadtrath, die geistlichkeit und schuljugend zog in feierlicher procession von der pantaleonskirche durch das weyer thor nach dem sülzer kapellchen, wo ein feierliches hochamt gehalten ward ...

auf dem prozessionsweg von st. pantaleon zum sülzer kapellchen: das weyertor

... als aber letzteres (das sülzer kapellchen) im jahre 1474 niedergerissen ward, ward es nur unter einem zelte abgehalten. am nächstfolgenden tage ward ein volksfest, ein vogelschießen gehalten, und am nächsten, dem donnerstag fand dann die eigentliche holzfahrt statt. ... diese großartige feier dauerte bis zum jahre 1500 fort, da ward sie vom senate aufgehoben."


im kölner dom befindet sich ein über fünfhundert jahre altes fenster, auf welchem marsilius ganz unten rechts in einer ritterrüstung und mit der kölner flagge in der hand zu sehen ist:

      

das  "typologische geburt-christi-fenster" im kölner dom 

auch gibt es ihm zu ehren heute in köln-sülz eine marsiliusstraße und eine marsiliusapotheke, in der innenstadt eine straße mit dem namen "marsilstein" sowie im kölner gürzenich einen marsilius-saal. der in nähe der kirche st. aposteln gefundene marsilstein genannte mauerrest  ist jedoch nicht, wie lange vermutet wurde, das grab des marsilius, sondern nur ein relikt eines römischen aquädukts.


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