- Evamarias Erinnerungen -

Evamaria      Wingen


Mein Urgroßvater, Johann Bruno Wingen, war Segelmacher und hatte seine Wohn-Werkstatt am Großen Griechenmarkt (Nummer unbekannt). Hergestellt wurden wohl hauptsächlich Segel für die Rheinschiffe. Dafür war ein sehr großer Raum nötig, in dem die Tücher genäht wurden. Für die Arbeit wurde ein ledernes Kissen in die Innenhand geschnallt, mit dessen Hilfe die dicken Nadeln mit dem Zwirn durch die harte Leinwand gestoßen wurde - eine sicher nicht vergnügliche Arbeit.

Reich konnte man mit dem Gewerbe auch nicht werden, was die bescheidenen Wohnverhältnisse zeigen: der Arbeitsraum war gleichzeitig der Wohnraum. Am Abend wurden für die Kinder auf dem Fußboden Strohsäcke ausgelegt, während die Eltern eine kleine Kammer für sich hatten. Eine Küche gab es nicht - wohl auch keine Zeit zum Kochen, da die Hausfrau "berufstätig" war, also in der Werkstatt mitarbeitete. Soviel ich weiß, gab es sonst keine Mitarbeiter. Wenn die Kinder Hunger hatten, hieß es: "Do weiß doch, wo et Döppe es!" - gemeint war ein Steintopf, in dem Altbrot aufbewahrt wurde. Warme Mahlzeiten holte man aus einer Gastwirtschaft o.Ä. in der Nachbarschaft.

Nachdem sich auf dem Rhein am Ende des 19. Jahrhunderts die Motorschiffe mehr und mehr durchsetzten und auch sonst kein Bedarf an Schiffssegeln bestand, lohnte sich das Unternehmen nicht mehr. Als dann die Stadtmauer niedergelegt worden war und die Wohlhabenderen um die Jahrhundertwende in die Neustadt zogen, wurde die Wohngegend immer unattraktiver, und meine Urgroßeltern fanden eine nicht zu teure Alternative in der frühen Genossenschaft, die weit vor der Stadt die Scherfginstraße mit viel Eigenhilfe baute. Tragisch war, dass meine Urgroßmutter, die sich sehr über das neue Heim gefreut hatte, noch bevor das Haus bezugsfertig war, ganz plötzlich starb - ziemlich fröhlich bei einem Tänzchen mit ihrer ältesten Tochter. Mein Urgroßvater zog also mit seinen heranwachsenden Kindern in die Scherfginstraße, wo ich heute noch wohne.

Evamaria Wingen