- Helmuts Erinnerungen -


Geboren am 18.2.1950 in der rheinischen Stadt Düren zwischen Köln und Aachen, sind meine Kindheitserinnerungen unter dem Strich recht erfreulich. Ich hatte das große Glück, in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg aufgewachsen zu sein und so habe ich meine Kindheit in angenehmer Erinnerung.

    

   Hier meine Eltern mit meiner  Schwester Irmgard Weihnachten 1948, - aber da gab es mich ja noch nicht.

Als ich zwei Jahre nach meiner Schwester auf die Welt kam, vergaß man wohl, von mir ein Foto als Kleinkind zu machen. Vielleicht war ich aber auch schon damals nicht vorzeigbar oder aber passte, wie eine liebe, leider inzwischen verstorbene Zunge munkelte, nicht in die Familienplanung. Das wohl älteste Foto, welches es von mir gibt, zeigt von links nach rechts meine Schwester, meine Mutter, meine Winzigkeit und die Tochter einer Kusine meiner Mutter: 

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Mein erstes Zuhause war eine kleine Wohnung im Dürener Norden hinter dem Bahndamm, genauer gesagt in der Josefstraße 57. Dieses mein Geburtshaus blieb beim Bombenangriff vom 16.11.1944 wie durch ein Wunder unversehrt. Wir wohnten auf der mittleren Etage.

Mein Geburtshaus in der Josefstraße 57 - Zustand 2010

In diesem Haus lebten außer uns noch zwei weitere Familien namens Abels und Königs. Wir teilten uns eine winzige Toilette, welche sich mitten im Haus an einer steilen Holztreppe befand. Einmal bin ich auf der frisch gebohnerten Treppe ausgerutscht und purzelte kopfüber wie ein Gummiball nach unten. Aber das Glück war mir hold, denn unten stand zufällig ein Herr Abels, welcher mich auffing wie sich ein Torwart einen Ball angelt.

"Der Abels" war wohl -zumindest aus meiner damaligen Sicht- sehr alt. Welchen Beruf er hatte, weiß ich nicht.  Aber ich erinnere mich noch sehr genau an die vielen Tage, an denen er auf unserem Hinterhof Hühner schlachtete. Der Abels packte die todgeweihten Tiere am Hals, schlug ihnen mit einem Fleischermesser die Köpfe ab und dann, - ja dann flatterten die Tiere noch ein paar Meter zuckend durch die Luft, bevor sie jäh zu Boden fielen. Und derweil rollten die abgeschlagenen Köpfe der armen Hühner noch eine ganze Weile lang vorwurfsvoll mit den Augen. 

 

Ein kopfloses Huhn

Unsere kleine Wohnung bestand aus zwei, höchstens zweieinhalb Zimmern, aber sie kommt mir im Nachhinein sehr groß vor, denn wir hatten keinerlei Dinge, die nicht unbedingt zum Leben notwendig gewesen wären. Wir besaßen weder einen Kühlschrank, einen Fernseher, ein Telefon, einen Computer, ein Handy noch eine Waschmaschine. Anfangs hatten wir einen sogenannten Volksempfänger, der dann später gegen ein großes Radio mit diesen grünen Bullaugen ausgewechselt wurde. Aber wir hatten Zeit, viel Zeit sogar,  - ein Wert, der heutzutage leider immer mehr in Vergessenheit gerät! 

In der kalten Jahreszeit wurde in der Waschküche im Keller gebadet; im Sommer durften meine Schwester und ich auch im Freien auf dem Hinterhof baden. Dazu besaßen wir eine ungefähr 80 Zentimeter lange Zinkwanne. Die Zeremonie war immer die gleiche: Erst meine Mutter, dann mein Vater, dann meine Schwester und zum Schluss ich mit einem Bad in der abgestandenen Brühe. Das Badewasser wurde übrigens in Zinkeimern auf dem kohlebeheizten Herd in der Waschküche erhitzt. Ich fand dieses Badevergnügen immer überaus schön, denn dass man eines fernen Tages ein Badezimmer oder gar ein eigenes Zimmer nur für sich haben könnte, wäre mir damals nie in den Sinn gekommen.

Als ich sechs Jahre alt war, zogen wir dann in eine Dreizimmerwohnung um, welche sich in der Dürener Innenstadt in unmittelbarer Nähe der Annakirche befand.

    

Hans-Böckler-Str. 2 - Straßenseite                                         Hans-Böckler-Str. 2 - Hofseite

Diese Wohnung war für mein Empfinden geradezu atemberaubend luxuriös, denn sie hatte  eine Einbauküche, ein Badezimmer mit Gasheizung und Warmwasser sowie eine eigene Toilette. Meine Schwester und ich teilten uns ein kleines Kinderzimmer (Foto oben rechts, linkes Fenster), aus welchem ich jedoch mit Eintritt der Pubertät meiner Schwester ausziehen musste und  die Nächte fortan auf dem Sofa im Wohnzimmer verbrachte. Darüber war ich weder böse noch traurig, denn das Wohnzimmer war damals "das schöne" Zimmer einer jeden Wohnung und so war ich fast schon stolz darauf, die Ehre zu haben, dort übernachten zu dürfen.    

Mit neun oder zehn Jahren erstand ich meine erste Kamera, eine "Agfa Klick 1" für zehn Mark, natürlich mit Schwarz-Weiß-Rollfilm. Das Geld dafür hatte ich mir buchstäblich zusammengetragen, indem ich zusammen mit ein paar Freunden aus den ungezählten Trümmerfeldern Schrottteile aus Eisen zu einem Altwarenhändler schleppte. Ich glaube, pro Kilo gab es zehn oder höchstens fünfzehn Pfennig. Unser "wertvollstes Schrottstück" war übrigens eine noch scharfe Granate aus dem Krieg, was ich natürlich nicht wusste. Der Schrotthändler schlug die Hände über dem Kopf zusammen, rief sofort die Feuerwehr herbei, aber hat mir immerhin 60 Pfennig dafür gegeben. Dies habe ich zu Hause nie zu erzählen gewagt. 

Mein erstes Foto habe ich dann mit meiner "Agfa Klick 1" aus dem Fenster unseres Wohnzimmers in der Hans-Böckler-Straße gemacht:

Mein erstes Foto: Düren, Hans-Böckler-Straße 2

Irgendwann bekamen die ersten Mieter im Haus ein eigenes Auto. Das war für die ganze Straße eine riesige Sensation und eine Quelle übelster Gerüchte: "Ja, wo haben die  denn nur das viele Geld her? Die essen doch garantiert nur Wassersuppe!" und ähnliche Verunglimpfungen mehr kursierten im Hausflur.

Mein zweites Foto:  Das erste Auto in unserer Straße

Auch meine vierjährige Zeit in der Volksschule Düren-Süd verlief mehr oder weniger unspektakulär. Meine Klassenkameraden und ich schworen uns in wechselnder Reihenfolge tagtäglich "ewige Freundschaft", wobei ich als Kleinster in der Klasse ja auch am meisten darauf angewiesen war. Manchmal gab es nach einem "Seitenwechsel" auch Prügel, doch das gehörte damals einfach dazu. Bevor ich mir dabei gar nicht mehr zu helfen wusste, warf ich mich zu Boden und biss meine Feinde ins Bein. 



Die damalige Volksschule Düren-Süd, - heute Katholische Grundschule Düren-Süd

Im Alter von sieben Jahren ging ich 1957 zusammen mit meiner Schwester in der neuen Annakirche zur ersten heiligen Kommunion.

     

Die neue Annakirche

Das Geschenk meiner Eltern war ein Gebetbuch, ein sehr edles Stück mit Ledereinband und Goldschnitt. Und natürlich habe ich es immer noch. Meine liebe Patentante Aenne und mein Onkel Theo schenkten mir meine erste Armbanduhr von Junghans. Natürlich habe ich diese güldene Uhr auch von innen betrachtet, jedoch leider nicht mehr zusammenmontiert bekommen! 

     

Meine Schwester und ich bei unserer Erstkommunion 1957                       Das Grab meiner Patentante 2010

Am 17. Januar 1956 heiratete meine Patentante, eine von zwei Schwestern meines Vaters, zum zweiten Mal, denn ihr erster Mann war wohl im Russland-Feldzug ums Leben gekommen. Immer noch sagt man für die legitimierten Massenmorde von Wahnsinnigen "gefallen". - Ich nenne es "abgeschlachtet"!     

Bei dieser Familienfeier durfte ich zum ersten Mal in meinem Leben mit zu einem Fotografen, wo das folgende Foto entstand, auf welchem ich auf einem Fußbänkchen hocke und einen Biedermeierstrauß in meinen Händchen halte. Außen links ist übrigens mein Cousin Reinhard und außen rechts mein Schwesterherz Irmgard zu sehen. 

In dieser Zeit machten wir auch zum ersten Mal Urlaub, nämlich 1956 in Niederfell an der Mosel, welche damals noch nicht kanalisiert war. Unser blechernes Kochgeschirr hatten wir stets im Rucksack und mittags saßen wir meistens am Fluss, während mein Vater auf einem Spirituskocher Erbswurst von der Stange und Kartoffeln für uns kochte. Meine Eltern hatten übrigens nicht nur an der Mosel immer Zeit für meine Schwester und mich! Wir wanderten fast jede Woche durch die Nordeifel und mein Vater brachte mir bei, wie man aus einem Ast mit einem Taschenmesser Flöten und kleine Wassermühlen bastelt. Bald schon konnte ich auch eigene -vor allem flugfähige- Drachen bauen und kannte mich ebenso mit der Laubsäge bestens aus.  

Im Jahre 1957 waren wir noch ein weiteres Mal in Niederfell. Beide Sommer waren extrem heiß. Wir hatten zu vier Personen ein winziges Fremdenzimmer in einer Privatpension.  Die Matratzen waren vermutlich mehr mit Insekten als mit Stroh gefüllt. Aber wen juckte das damals schon!  Jeden Morgen brachte uns "Tante Berta", unsere Vermieterin, eine Schüssel mit kaltem Wasser. - Nein, nicht zum Trinken, sondern zum Zähneputzen und zum Waschen. Anschließend frühstückten wir zusammen mit ihr in der Küche. Über dem Tisch hing ein Klebeband, an welchem hunderte von Fliegen und andere Insekten ihr
Leben gelassen hatten.  Trotz meines kindlichen Alters verliebte ich mich sofort, - nein, nicht in Tante Berta, sondern  in ihren Schäferhund. Es war eine Hündin und sie hörte auf den Namen Senta. Manchmal habe ich Senta als Reittier benutzt, aber das mochte sie nicht immer gerne und warf mich hin und wieder ab.

   

Meine Schwester und ich an der  Mosel 1956 (links zusammen mit meiner Schwester
und rechts zusammen mit ihr und Senta)

Auf meinem Weg zur Volksschule Düren-Süd kam ich zwischen 1956 und 1960 an allen Schultagen an vielen der noch vorhandenen Trümmergrundstücken vorbei. Da der Zutritt strengstens untersagt war, betrachteten meine Mitschüler, meine sonstigen Spielkameraden und ich dieses Verbot geradezu als Aufforderung, in den vom Einsturz bedrohten Kellergewölben heimlich einen Teil unserer vielen Freizeit zu verbringen. Das war einfach schön! Wir buddelten nach menschlichen Knochen, nach "Hitlergeld", wie wir es nannten sowie nach Alteisen.

Morgens kamen wir Jungs aus der Hans-Böckler-Straße oft mit Verspätung zur Schule. Das hatte aber mit den Trümmergrundstücken nichts zu tun, sondern einzig und alleine mit dem Kaplan der Annakirche, welchen wir auch als Religionslehrer hatten. Der wohnte nämlich in einem Mietshaus auf halbem Wege zur Schule. Und wenn er uns dann morgens von seinem Fenster aus wie immer pünktlich kommen sah, ja uns geradezu abfing, kam er mit einem Fußball aus echtem Leder auf die Straße gestürzt und jubelte: "Jungs, fünf Minuten haben wir noch!" - Was nun ablief, war über mehrere Jahre lang zwei- oder dreimal pro Woche immer gleich: Mitten auf der Straße markierten wir mit insgesamt vier Schulranzen im Abstand von 20 oder 30 Metern zwei kleine Tore. Spezielle Torhüter hatten wir  keine, aber doch zwei Mannschaften. Die eine Mannschaft bestand aus unserem Kaplan und jeweils nur einem einzigen Schüler, - die andere Mannschaft aus drei, vier oder manchmal auch fünf  Schülern. Natürlich "erwählte" unser Kaplan immer einen anderen von uns zu seinem Mitspieler. Am Anfang hatten wir wegen der Verspätung in der Schule ja noch Angst vor unserem strengen Klassenlehrer. Doch das legte sich bald, weil uns der Geistliche dann persönlich in die Klasse brachte und sich bei unserem Lehrer gesenkten Hauptes, aber auch mit einem grinsenden "Mea culpa!" entschuldigte.   

Im Alter von zehn Jahren kam ich dann 1960 zum Stiftischen Gymnasium in Düren. Dies war eine zutiefst humanistisch geprägte altsprachliche Schule, wo ich mich mit Latein als erster Fremdsprache herumquälen durfte.

Das Stiftische Gymnasium heute

Ich erinnere mich noch genau an die erste Lektion: Gallina clamat, agricola laborat ... das Huhn schreit, der Bauer arbeitet ... und wir als Schüler haben auf Lateinisch dazu gegähnt! In unserer Stadt gab es auch ein neusprachliches Gymnasium, aber mein Vater wollte wohl, dass ich mindestens Pastor, lieber noch Bischof von Aachen, Kardinal von Köln oder gar Papst von Rom werden sollte. Ich entstamme einem recht christlichen Elternhaus, in welchem mir unabdingbar notwendige Werte mitgegeben wurden, welche ich bis heute noch nicht verloren habe. Aber Papst werden wollte ich dann doch lieber nicht.      

Vier Jahre später entstand Ostern 1964 als letztes Bild aus meiner Kindheit in dieser Schule das folgende Klassenfoto:

Ich bin der Kleine mit der Brille in der letzten Reihe.

Im Jahre 1964 zogen wir dann nach Köln, was für mich ein sehr bedeutender, aber auch höchst erfreulicher Einschnitt in meinem Leben war und meine Kindheitsjahre deutlich von meiner nachfolgenden Jugend in Köln trennt.  

Helmut 


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