mit dem bötchen durch die domstadt


um es vorwegzunehmen: köln ist nicht amsterdam und schon gar nicht venedig. unsere stadt wurde nicht auf pfählen, nicht auf kölner brettern und auch nicht auf kölschgläsern errichtet. bei uns gibt es keine grachten und unsere kanäle verlaufen in aller regel unterirdisch. und dennoch kann der besucher unsere stadt mit dem schiff oder treffender ausgedrückt "mit dem bötchen" -wie man bei uns sagt- erobern, ein unterfangen, welches im engeren sinne des wortes jedoch in den letzten zweitausend jahren noch nie jemandem gelungen ist.



jan von werth lebt!

unweit des hauptbahnhofs und ganz in der nähe der viel besungenen bunten häuschen vom alter markt legen sie ab, - die berühmten und modernen schiffe der köln-düsseldorfer und die erheblich preiswerteren, wenn auch weniger luxuriösen bötchen von der konkurrenz. die rundfahrten beschränken sich meist auf eine etwa eineinhalbstündige tour rheinabwärts bis zur zoobrücke, dann nach einem wendemanöver rheinaufwärts bis nach rodenkirchen und von dort aus wieder zurück bis zum ausgangspunkt. in jedem falle ist aus verschiedenen perspektiven unser weltbekanntes stadtpanorama zu sehen und viel mehr ist außer einer dombesteigung und allenfalls noch einem besuch im zoo sowie einem abschließenden brauhausbesuch bei einem tagesausflug vermutlich auch kaum zu schaffen. 

doch bereits auf diesen wenigen kilometern stellt sich dem aufmerksamen köln-besucher eine reihe von fragen: wo beginnt eigentlich köln und wo hört diese stadt auf? wieviele kilometer muss man mit dem schiff zurücklegen, um sie vom wasser aus zu "erfahren"? und was bedeuten eigentlich die in regelmäßigen abständen links und rechts des ufers auftauchenden merkwürdigen schwarzen ziffern und kreuze auf weißem grund?

               


gehen wir also diesen fragen auf den grund und im äußersten süden der stadt auf ein bötchen, um köln auf dem wasserweg  in seiner gesamten süd-nord-ausdehnung zu erkunden. "süd-nord" deshalb, weil`s erstens aufgrund der strömung schneller geht als umgekehrt und weil das zweitens auch etwas mit den schwarz-weißen schildern zu tun hat.   

kommt der rheinschiffer mit seinen geladenen gästen von süden aus auf dem wasserweg nach köln, sieht er backbord die industriestadt wesseling. unmittelbar danach gelangt das bötchen bei godorf und steuerbord bei porz-langel in die stadt mit den beiden großen domtürmen.   


 
die entfernungen auf dieser zeichnung sind besonders in der oberen hälfte erheblich gestaucht und nicht maßstabsgerecht;
mehr zu den genauen entfernungen ganz unten auf dieser seite!

bis unser bötchen die nördliche stadtgrenze erreicht, muss es aber von köln-godorf aus eine wahre marathonfahrt zurückzulegen. auf dem kölner stadtgebiet besitzt unser vater rhein -ähnlich wie die menschliche wirbelsäule- eine doppelte s-förmige krümmung. so können wir also mit fug und recht sagen: colonia ist das rückgrat der welt!

auf unserer tour rheinabwärts werden wir in den nächsten stunden die berühmten sieben brücken kölns unterqueren. bereits wenige meter südlich der rodenkirchener autobahnbrücke wird es am linksrheinischen ufer mit der alten liebe erstmals so richtig kölsch. denn "die alte liebe" an der sogenannten kölschen riviera ist ein schwimmendes ausflugslokal in rot und weiß. bereits zweimal in ihrer geschichte stand sie in flammen, doch alte liebe rostet nicht, kommt von zeit zu zeit immer mal wieder hoch und zieht heute mehr besucher an denn je.

die alte liebe in köln-rodenkirchen

zwischen den stadtteilen bayenthal und deutz mit den poller wiesen tauchen wir für einige sekunden in den schatten der südbrücke ein. doch schon geht`s weiter zur severinsbrücke, auf dessen pylon dereinst nächtens noch die weltkugel von h. a. schult leuchtete.

was für ein        ausblick !

nun gelangen wir in höhe der deutzer brücke und der hohenzollernbrücke in das herz der domstadt. auf der backbordseite unseres bötchens erblicken wir in der abendsonne ein altes lagerhaus im rheinauhafen. herr heidewitzka, unser kapitän, klärt uns darüber auf, dass dieses bauwerk im volksmund auch heute noch "das siebengebirge" genannt wird.    

das non-plus-ultra unserer reise erwartet uns wenige minuten später. wohl niemand, der an einem lauen sommerabend mit dem bötchen am kölner dom vorbeigefahren ist, wird dieses bild jemals vergessen:  

köln bei      nacht ...

kein geringerer als der französische dichter und dramatiker victor hugo hat bei seinem aufenthalt in unserer stadt anno 1840 einmal gesagt: lieber in deutz wohnen und köln sehen als in köln wohnen und deutz sehen! - und es war der österreichische expressionist oskar kokoschka, der den kölnern im jahre 1956 vom messeturm in köln-deutz aus diese wahrhaft einmalige stadtansicht widmete: 

doch unser bötchen hat bis zu seinem ziel ja noch eine ganze reihe von brücken vor sich! ungefähr eineinhalb kilometer rheinabwärts gelangen wir zur zoobrücke, über welche sich seit der bundesgartenschau anno 1957 eine seilbahn zwischen dem kölner zoo und dem rheinpark spannt. weiter stromabwärts taucht vor uns die mülheimer brücke auf. dieser heutige stadtteil köln-mülheim ist für die auf das 14. jahrhundert zurückgehende gottestracht bekannt. dabei handelt es sich um eine schiffsprozession, die auch heutzutage noch in jedem jahr auf fronleichnam tausende von frommen und weniger gläubigen besuchern anzieht.       

die mülheimer gottestracht

die sieben brücken kölns liegen nun hinter uns und doch haben wir unser ziel, die nördliche grenze der stadt, noch längst nicht erreicht. denn diese liegt noch weitere zwanzig  kilometer rheinabwärts. unser bötchen hat bisher gerade einmal die hälfte seiner insgesamt vierzig kilometer langen reise hinter sich. schon bald erkennen wir auf der linken rheinseite den industrie-standort niehl mit den fordwerken, mit dem größten kölner hafen, dem riesigen heizkraftwerk und der skandalumwitterten müllverbrennungsanlage, welche im jahre 2008 zwei städtischen politikern wegen bestechlichkeit  zu haftstrafen auf bewährung verhalf.

     

das heizkraftwerk und die müllverbrennungsanlage in köln-niehl

diese meisterwerke der modernen architektur sind zugegebenermaßen nicht ganz so schön wie der kölner dom, gehören aber zum funktionieren einer millionenstadt wohl einfach mit dazu. das samt schornstein 180 meter hohe heizkraftwerk I in der mitte des ersten fotos wurde bereits drei jahrzehnte nach inbetriebnahme zurückgebaut und im jahre 2003 durch das technisch modernere heizkraftwerk II ganz links auf diesem bild ersetzt. 

doch lassen wir uns unsere fahrt mit dem bötchen nicht vermiesen und sehen zu, dass wir schleunigst weiterkommen. nach weiteren acht kilometern nähern wir uns der leverkusener autobahnbrücke. auf der steuerbordseite erblicken wir die nach dem wermelskirchener chemiker und industriefabrikanten carl leverkus benannte aspirin-stadt mit dem bayer-kreuz. das alte markenzeichen von bayer leverkusen hatte einen durchmesser von 51 metern und wies über eintausendsiebenhundertzwölf 40-watt-glühbirnen auf. seit der fertigstellung der medienfassade des bayer-hochhauses erhellt das neue, mit 3,5 millionen leuchtdioden illuminierte kreuz seit dem jahre 2009 auf einer fläche von 40 mal 40 metern den nachthimmel über leverkusen:   

   
das alte und das neue bayer-kreuz
fotos: bayer ag

leverkusen gehört natürlich nicht zu köln, - wohl aber die gegenüberliegende rheinseite. und wir möchten ja schließlich bis zum ende unserer domstadt schiffen! von nun an orientieren wir uns also nur noch linksrheinisch. gegenüber der leverkusener autobahnbrücke liegt der ortsteil merkenich, dessen name sich der auswärtige besucher aber vermutlich nicht merken wird.   

unterhalb dieser brücke fahren wir noch mal knapp zehn kilometer rheinabwärts und dann sind wir fast am ziel. nur noch schnell vorbei an rheinkassel und langel, wo unser bötchen fast die alte fähre nach hitdorf gerammt hätte, legen wir südlich von dormagen am linken rheinufer an und wir befinden uns jetzt ziemlich genau dort, wo es anno 1288 zur entscheidenden schlacht zwischen dem kölner erzbischof und dem grafen von berg kam:



zinnfiguren-modell der schlacht von worringen im bergischen museum in burg an der wupper

ja, wir sind in köln-worringen, dem nördlichsten kölner stadtteil angekommen, welcher als letzter im jahre 1868 an die kanalisation angeschlossen wurde, nachdem nur zwei jahre vorher hier eine cholera-epidemie viele bürger das leben gekostet hatte.    

    

worringen - früher und heute


ja, und dann bleibt ja noch die frage nach der bedeutung dieser merkwürdigen ziffern und kreuze zu beantworten:  

       

dabei handelt es sich schlicht und einfach um die anzeige des jeweiligen rheinkilometers, wobei das kreuz stets für die 500-meter-markierung steht. der nullpunkt liegt nach einer internationalen vereinbarung vom 1. april 1939 unter der alten konstanzer rheinbrücke und die skalierung endet bei rheinkilometer 1036 westlich von hoek van holland.

das schild mit der nummer 678 im kölner stadtteil porz-zündorf zeigt uns also an, dass dieser messpunkt genau 678 rheinkilometer von konstanz am bodensee entfernt ist. der pegel in der kölner altstadt liegt bei rheinkilometer 688. bis wir mit unserem bötchen vom dom aus in hoek van holland sind, müssten wir uns entsprechend noch 348 kilometer rheinabwärts treiben lassen. aber da wollen wir ja heute nicht mehr hin.

abschließend sind in der folgenden tabelle die stationen unserer bötchensfahrt durch köln noch einmal nach rheinkilometern aufgelistet:     

  standort

rhein-km

 

 
  köln-godorf 671,50
  rodenkirchener brücke 683,37
  südbrücke 685,71
  severinsbrücke 687,28
  deutzer brücke 687,93
  hohenzollernbrücke 688,48
  zoobrücke 690,16
  mülheimer brücke 691,95
  köln-niehl 696,30
  ölhafen köln-niehl 699,10
  leverkusener autobahnbrücke 701,45
  rheinfähre köln-hitdorf 705,30
  köln-worringen 710,50

unser kölner heimatdichter und vortragskünstler karl berbuer sang im jahre 1936 in seinem lied "heidewitzka, herr kapitän, - mem müllemer bötche fahre mer su jähn ..." von dem vergnügen, mit einem bötchen über den rhein zu fahren. als konrad adenauer 1950 chicago besuchte, wurde er offiziell mit genau diesem lied empfangen. wen wundert`s da, dass die kölner auch ihrem karl berbuer schon längst ein denkmal gesetzt haben!  

der narrenschiffbrunnen auf dem karl-berbuer-platz in köln

wanderer, kommst du nach köln ...
 


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