- Paulas Erinnerungen -

Paula      Hiertz


Aufgewachsen im Kölner Griechenmarktviertel, liebe ich heute lange Spaziergänge durch die Zeit. Die Vergangenheit wird wieder lebendig, wenn ich an den urkölschen und ärmlichen Pfarrsprengel rund um die Kirche St. Peter denke, wo ich in den 30-er Jahren aufwuchs. Unser damaliger Pfarrer, Pastor Christian Moll, sorgte immer dafür, dass auch die Kommunionkinder aus bedürftigen Familien anständige Schuhe zum Festtag tragen konnten. Ich lebte damals zusammen mit meiner verwitweten Mutter und meinen Geschwistern in einer winzigen Zwei-Zimmer-Wohnung in der Fleischmengergasse. Wir vier Mädchen schliefen in ein und demselben Kämmerchen, - je zwei in einem Bett.

Diese Erinnerungen werden wohl nie verblassen. Dagegen ist das alte Viertel meiner Kindheit im Krieg zerstört worden, in einer einzigen schrecklichen Nacht. Wie beinahe der gesamte Stadtkern wurde es vom 28. auf den 29. Juni 1943 bombardiert, während eines der schwersten Luftangriffe auf Köln. Danach glich die Fleischmengergasse einem Trümmerfeld. Auch die Volksschule in der Agrippastraße lag in Schutt und Asche.

Inzwischen steht dort das Agrippabad. Aber früher, da büffelten hier wir Mädchen hart auf ebensolchen Holzbänken. Auch Spiel und Spaß standen im Pausenhof auf dem Programm. Jeden Winter haben wir Pänz eine Eisbahn geschlagen, auf der wir nach langem Anlauf entlanggeschlittert sind. Das war unser Privatvergnügen und geschah deshalb vor dem Unterricht. Meine Mutter wunderte sich jedes Mal, dass wir Geschwister schon so früh in die Schule wollten.

Doch gab es auch noch weitere Schattenseiten: Der Nationalsozialismus prägte längst den Alltag in den Kölner Bildungsanstalten. Ich bin in die Katholische Volksschule Agrippastraße gegangen. Daran gliederte direkt vom Großen Griechenmarkt aus die evangelische Volksschule Großer Griechenmarkt an. Auf dem Schulhof unserer Schule war nur eine Verbindungstüre zur evangelischen Schule, die nach Möglichkeit nicht geöffnet werden durfte. Die Stirnwände in den Treppenhäusern waren in beiden Schulen mit Juden-Hetzparolen zugekleistert. Meine katholischen Lehrerinnen versuchten auf ihre Art, sich dem Druck entgegenzustemmen. Sie sorgten zum Beispiel dafür, dass Kommunionkinder auch an ihrem zweiten Festtag schulfrei bekamen, also am Montag, auch wenn es verboten war. Doch die Pädagoginnen schworen ihre Schülerinnen und deren Eltern darauf ein, eine Krankheit vorzuschieben. Ich verstand zunächst nur "Bahnhof", denn schließlich war ich kerngesund. Bis meine Mutter mir unmissverständlich klar machte: „Du häs jekotz wie 'ne Reiher.“

Ab 1942, meine älteste Schwester war damals 13 Jahre, als der Religionsunterricht an den Schulen verboten wurde, wurden in allen Schulen beide Konfessionen unterrichtet. In der katholischen Schule versuchten die Lehrerinnen, auch evangelische,  erst noch nach dem normalen Unterricht eine freiwillige Religionsstunde anzuhängen, die wir auch wahrnahmen, aber das wurde nachher verboten.

Resolut auftreten - das hatte die Schule des Lebens meiner allein erziehenden Mutter beigebracht. Bereits mit 26 Jahren verwitwet, brachte sie meine Geschwister und mich  unter anderem als Büglerin und Wäscherin durch. Wir waren bitter arm. Der ersehnte Musikunterricht blieb für mich nur ein schöner Traum. Den konnte ich mir erst im Alter von 40 Jahren erfüllen.

Paula Hiertz                                 Internetseite:  http://www.paula-hiertz.de


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