- Tod im Feuer -
von Peter Alwin Pinnen


Zwischen den Straßen "Alte Mauer am Bach" und "Blaubach" bestand ein erheblicher Unterschied in der Höhe des Stadtplateaus. Um ihn zu überwinden, gab es das "Trappengäßchen", ein Gäßchen ohne Haustüren oder Hausnummern - aber mit einem der ganz wenigen Straßennamen in kölscher Mundart. Diese fast nur aus Stufen bestehende Verbindung begann etwa 30m vor der "Färbergasse", führte von hier hinunter zum "Blaubach" und war rechts und links durch hohe Häusermauern begrenzt. In den Kellern der Häuser zu beiden Seiten dieses unscheinbaren "Trappengäßchen" kam es in der Nacht des schwersten Bomberangriffs auf Köln (29.6.1943) zu einem der grauenhaftesten Geschehen während des gesamten Bombenkrieges in dieser Stadt.

Vorsorglich waren in den Häusern die Wände der Keller zu den Luftschutzräumen der Nachbarhäuser durchbrochen und mit leicht zu zerstörendem Material wieder verschlossen worden. Die Kellerfenster hatte man außen mit schweren Betonteilen gesichert oder zugemauert. Bei dem o.g. Angriff waren ganze Straßenzüge dem Erdboden gleichgemacht worden, und viele Häuser brannten lichterloh. Menschen, die in den Kellern dieser Häuser noch am Leben waren, versuchten durch die aufgebrochenen Durchlässe über die Keller der Nachbarhäuser einen Ausweg ins Freie zu finden. Oft führte der beschwerliche Fluchtweg dabei durch eine ganze Anzahl von Wohnhäusern, bis man eine Ausstiegmöglichkeit gefunden hatte - oder auch nicht!.

So war es auch in den Häusern am "Blaubach": Die eingeschlossenen Menschen in den Kellern am "Blaubach", die aus Richtung "Poststraße" kamen, versuchten durch die Durchbrüche unter den brennenden oder eingestürzten Häuser, bis zum "Trappengäßchen" vorzudringen. Auch aus der entgegengesetzten Richtung, von dort, wo die "Färbergasse" in den "Blaubach" mündet, waren viele Menschen unter den Häusern auf der Suche nach einem Weg ins Freie. Ziel: ebenfalls das "Trappengäßchen". Hier am "Trappengäßchen" war dann die Welt und ging ihr Leben zu Ende. Denn die Gasse bestand aus gewachsener Erde. Hier ging es nicht weiter, nicht mehr vorwärts und nicht mehr zurück, hier starben sie also, hier erstickten sie, hier hockten sie in einer dunklen Ecke und schliefen reglos hinüber. Erst viel später kam das Feuer zu ihnen.

Zwei Nächte später holt man sie aus den Kellern heraus. Was ist hier noch ein Mensch?! Ein Brillenrand. Ein Bügel von einer Handtasche. Eine Achse mit zwei Rädern daran, und wer genauer hinschaut, möchte fast glauben, es sei einmal ein Kinderwagen gewesen. Schräg vor dem "Trappengäßchen" steht ein Polizeiwagen auf der Straße, der Kegel des Scheinwerfers strahlt auf das kleine Viereck Kellerfenster, aus dem sie im verschmutzten Drillichanzug heraussteigen, ein Etwas in der Hand, ein Stück Metall - ein Mensch war das, und wieder ein Mensch, und wieder ein Mensch, stundenlang geht das so weiter...!

Heute gibt es das "Trappengäßchen" nicht mehr. Dort ist jetzt eine schmale Grünanlage mit einer Treppe, und der Straßenname ist aus dem Stadtplan verschwunden. Wer weiß noch etwas von dem Schicksal der Menschen, die dort gelebt haben und in einer furchtbaren Bombennacht ums Leben kamen. Wie viele es waren....? R.I.P.

Peter Alwin Pinnen


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